Heimaturlaub Wind von vorn
Dez 19

Drei Wochen früher, als ursprünglich geplant, komme ich aus Deutschland zurück. Ich fühlte mich nicht gut in Köln und war genervt. Schlechtes Wetter, viel Rumfahren für nix und das Gefühl, ich bin einfach viel zu früh zu einem Urlaub in nach Köln aufgebrochen. Ich war deprimiert und kraftlos, weil ich nun auch erfahren musste, wie es ist nach Hause zu kommen und keine Wohnung mit dem eigenen Kram zu haben.

Umso schöner, dass ich mich auf mein fertiges Haus in Gili zu freuen. Vier Monate Bauzeit sind kurz und das Ergebnis ist wirklich ungewöhnlich und mit wenigen Abstrichen eine richtig gute Arbeit. Nun bin ich also umgezogen, nach Indonesien, auf eine klitzekleine insel. Willkommen im Klub der Aussteiger. Und in der Realität.

Mein Arbeiter Gen hat sich vor ein paar Tagen stark am Fuss verbrannt und die offenen Stellen fangen an zu eitern, weil er sich nicht gekümmert hat, obwohl ich ihm Salbe gegeben hatte. Ich also einmal rund um die Insel und versucht, mehr Wundauflagen, Pflaster oder (!) einen Verband zu organisieren. Ganze acht Wundauflagen 10×10, die vermutlich seit 2 Jahren in einer Tüte in Bodennähe aufbewahrt wurden und ein Verband, viel zu breit, aber dafür nur 2 Meter lang, sollten meine Beute sein. Verkauft wurden mir vier Wundauflagen, weil die anderen 4 jemand anderes gebrauchen könnte. Sehe ich ein, wo nur 8 Stück auf der ganzen Insel da sind, gehe ich ja schon etwas stolz mit 4 nach Hause.

Ich schüttele nur meinen Kopf. Willkommen in einem Entwicklungsland.

Mit Gen heute ins Hospital gefahren, das bessere von dreien auf Lombok. Die Situation auch hier erbärmlich. Der Verband vom Krankenhaus ist Mangels ausreichendem und vor allem gutem Verbandszeug sehr dürftig. Die Rechnung übernehme ich, schlucke aber, als ich über 400 000 Rupiah (25 Euro) bezahlen soll. Wer so aussieht, als könne er eine hohe Rechnung bezahlen, wird hier selbstredend bedient. Ein local (Einheimischer) hätte nicht die teure Medizin bekommen und er wäre definitiv ins öffentliche Krankenhaus gegangen. Die Beschreibung darüber hebe ich mir für ein anderes Mal auf. Dennoch das Gefühl, etwas Wichtiges getan zu haben.

Anschliessend Grosseinkauf in der Apotheke, Hamsterkauf für gefährliche Zeiten, Verbände, Beta, Pflaster und – Wundauflagen. Eine Packung geht an den Shop mit den verbleibenden vier, vielleicht ist ja mehr Bedarf. Ich überlege ernsthaft, den Aufbau einer Apotheke mitzufinanzieren.

In Lombok haben wir heute einen nahezu tödlichen Unfall mit zwei Mopeds und drei Personen gesehen, direkt vor unserem Wagen sind sie frontal zusammengekracht. Alle waren schwer verletzt. Direkt eine riesige Menschenmenge, Staub aufwirbelnd und die Männer und Frauen wild durcheinander laufend. Sehr schockierend für uns, Wayan, gut gebräunter Stamm-Taxifahrer, wurde kreidebleich. Wusste garnicht, dass das so möglich ist.

Der gesamte Strassenverkehr auf Lombok ist definitv ein flexibler Todesstreifen. Anarchie und Chaos sind die Waffen untereinander. Gleichgültigkeit beim Abbiegen, Einfädeln oder Rückwärtsfahren, dazu werden aus zwei engen Strassen kurzerhand drei gemacht. Frontal aufeinander zufahren und kurz vorher ausweichen, ist der Normalfall und nicht die Ausnahme. Das ist dann eher, wenn einer dem Schlagloch nicht ausweicht.

Die Unfälle hier sind meistens mit Beteiligung von Mopeds. Und alle sind biestig, weil nur die Hälfte einen Helm trägt. Und T-Shirt, klar. Auch, wenn´s teuer ist, ich lasse mich nur von Wayan kutschieren. Er kennt sich super aus, spricht passabel Englisch und fährt gut.

Ich bin also endlich da, wo ich mich immer schon gesehen habe. Auf einer Insel, weitesgehend für mich allein mit meinen Gedanken. Ich neige zu Depressionen und ich bin mir auch über das Risiko bewußt, dass ich dem Leben hier nicht gewachsen bin. Es ist nicht einfach, aus vielerlei Gründen. Die Lebensumstände, wie das Besorgen von Verbandszeug, sind kompliziert. Die Menschen hier sehen ihre Welt als so gegeben an und sind seeeehr langsam mit Veränderungen.

Und es ist nicht einfach, weil ich neues Terrain für mich selber betrete. Ich möchte ganz bewußt kein business auf der Insel haben, keins, mit dem ich Geld hier verdiene. Projekte, ja, aber hier Geld verdienen zu wollen oder gar müssen, ist stets mit ständigem Herumgeärgere belastet. Geld habe ich für einen überschaubaren Zeitraum, so dass ich also beruhigt mir mich selber widmen kann.

Ich finde meine Welt kompliziert, vielleicht bin ich es, der zu kompliziert denkt, aber das spielt keine grosse Rolle. Meine Welt findet in mir statt. Was ich suche, sind die richtigen Worte, die mich mitreissen, mir Kraft und Zuversicht geben, die mich zu einem Punkt leiten, an dem ich Ruhe finde. Ich glaube fest, dass ich erst einen kleinen Teil erreicht habe und meine nächsten Schritte sind zu mir hin.

Ehrlich gesagt ist mir die Welt, in der ich bisher gelebt habe, viel zu konfus. Mir reichen manchmal die Nachrichten vollkommen aus, es geschieht so unsäglich dämlicher Blödsinn auf der Welt, so bedeutungslos und doch aufgebauscht zu einer bedrohlichen Wolke, die ständig mit den Ängsten der Menschen genährt wird. Auch ich habe Angst, grosse Angst, das irgendwas in meinem Leben schief läuft, dass mir „was“ passiert, dass es nie mehr so ist, wie gerade jetzt. Oder gleich oder morgen. Ich bin da wie alle. Aber ich habe Erfahrungen mit Verlusten. Vor 15 Jahren hatte ich vor allem eins: nix. Kein Job, keine Wohnung, von Frau und Kind getrennt und keinen Bock mehr, auf´s musizieren. Der Verlust meiner Frau im letzten Jahr ist hinlänglich hier beschrieben. Verluste kenne ich. Mal schauen, wie ich mich zurecht finde….

4 Antworten zu “Vom Pflaster, Zaster, Verkehr und vom Ankommen”

  1. Marta sagt:

    Hi Thomas,

    alles im Leben hat seine Zeit. Die Kunst besteht darin es zu erkennen und zu leben. Festzuhalten an einer bestehenden Situation, die für die eigene Entwicklung nicht mehr erforderlich ist, bringt nichts Gutes.
    Auf meiner Reise habe ich gelernt zu vertrauen immer das zu erhalten was ich im Moment brauche und jeden Zeitabschnitt in einer Momentaufnahme zu sehen.

    Eine sonnige und “weise” Weihnachtszeit wünsche ich Dir
    Marta

  2. Marta sagt:

    Noch ein Nachtrag:
    Bei Verbrennungen hilft Aloe Vera. vielleicht wächst das ja irgendwo bei Dir in der Nähe.

  3. PJAHN sagt:

    Hey, alter Mann
    Es ist sehr lange her, dass wir uns gesehen und gesprochen haben. Ich habe durch Michael Weissphal einen Tipp bekommen und bin gerade dabei mich durch Deine vielen Seiten zu kämpfen.
    Schade, dass ich Dich in Köln verpasst habe.Wäre sicher eine nette Unterhaltung geworden, für uns Beide. Oder ???
    Bist Du sicher, dass Du jetzt das gefunden hast wonach Du vielleicht irgendwie doch gesucht hast ? Ich hoffe und wünsche es Dir.
    Auf meiner oder soll ich sagen unserer Seite gibt es nicht viel Neues zu berichten, was Du vielleicht eh schon weisst.
    Wenn ich mit unserem alten Team (Olaf, Peter, Stojan, Uwe W….) spreche, kommen wir oft auf die “alten Zeiten” zu sprechen. Es ist heute leider nicht mehr so. Es war gut damals. Was sagst Du !!!

    Gruss Peter

  4. Thomas sagt:

    Selber alter Herr,
    freut mich, von Dir zu lesen. Bei mir ist soweit alles klar, es laeuft manchmal schleppend langsam, aber ich bin immerhin jetzt in meinem Haus und kann mich ausbreiten. Ob ich das gefunden habe, was ich gesucht habe? Keine Ahnung, ehrlich. Ich glaube, meine Reise ist ganz am Anfang. Es ist zwar ein Wendepunkt fuer mich, hier zu leben, aber ich suche nicht nur eine Insel, auf der ich mich wohl fuehle, mehr einen anderen Wert. Koeln und auch mein Job war nicht schlecht, aber ausgelebt und hier kann ich was Neues finden. Wenn ich weiss, was es ist, lass ich es Dich/Euch wissen…
    Beste Gruesse aus der Regensaison (es pisst in Stroemen und ist richtig frisch geworden)

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